Die Lippefähren in Lippramsdorf
 
In früheren Jahrhunderten ist unsere Lippe schiffbar gewesen. Aus den Anfängen der Schiffahrt rührt ein Einbaum her, der 1939 bei Erdarbeiten der Chemischen Werke Hüls im Terrassenflußbett der Lippe gefunden wurde und nun einen Hauptanziehungspunkt des Marler Museums bildet. Vom Landesmuseum Münster ist das Alter dieses Einbaums mit etwa 1500 Jahren angegeben werden.
Besonderen Anteil an der Schiffbarmachung hatte die preußische Regierung, die im 19. Jahrhundert die größten Hindernisse im Flußbett beseitigen und einen regelrechten Warentransport von Lippstadt und Neuhaus bis Wesel durchführen ließ.
Vor der Errichtung der Brücken gab es auch einen Fährverkehr auf der Lippe. Das Privileg zur Fährhaltung besaßen in kurfürstlicher Zeit die Städte und der Adel. Gelegentlich sind auch Bauern im Besitz eines Fährschiffes zum Übersetzen von Vieh und Wagen gewesen

Lippefähre bei Haus Ostendorf (Personen- und Wagenfähre)
Auf der Lippramsdorfer Lippestrecke gab es vor dem 19. Jahrhundert nur eine privilegierte Fähre, nämlich die des Hauses Ostendorf in Lippramsdorf. Ihre Entstehung im Mittelalter an der münsterischen Seite des Flusses hängt mit der Bildung der Freiheit* (lmmunitätsbezirk) an der Wasserburg und mit dem Besitz des Hauses zu beiden Seiten der Lippe zusammen. Die lmmunitätsrechte umfaßten auch die Ubersetzfähre. Die Besitzer des Hauses Ostendorf erhaben von jedem Schiffssteuermann und Flößer neben dem Lippezoll eine Abgabe für das Herunterlassen des Fährtaues. Nach den Akten des Staatsarchivs Münster sind war 1691 wegen Niederlassung des Ostendorfschen Fährtaues ¼ Reichstaler und dem Fährmann 2 Stüber gezahlt worden.

Die Privlegien des Hauses Ostendorf sind auch von der preußischen Regierung im 19. Jahrhundert mit Ausnahme der Erhebung des Zolles bestätigt werden. Aus dem durch eine königliche Kabinetts-Ordre vom 27. 12. 1846 erlassenen Tarif geht hervor, daß bei der Durchfahrt eines Schiffes oder Holzfloßes für das Herauf- oder Herablassen des Fährtaues 1 Silbergroschen und 6 Pfennig entrichtet werden mußten. 

Das Fährhaus bei Haus Ostendorf

Nach dem Tarif betrug das Überfahrtsgeld für eine Person, wenn die gewöhnliche Überfahrt abgewartet wurde, 2 Pfg., für eine Sonderüberfahrt 9 Pfg. Außerdem war zu zahlen: für ein Pferd oder Maultier 9, für ein Stück Rindvieh oder Esel 6, für Kleinvieh (Fohlen, Schaf, Ziege, Schwein usw.) 2, für je 10 Stück Federvieh 2 Pfg., für ein beladenes Fuhrwerk 2 Silbergroschen, für ein unbeladenes 1 Silbergraschen, für einen Handwagen 2 Pfg.

Als die Wallfahrten zum Halterner Annaberg aufkamen, ist diese Fähre ständig benutzt worden. Besonders die Pilger von Marl und Polsum ließen sich hier übersetzen. Die letzte Übersetzponte faßte ungefähr 70 Personen und hatte eine Größe von ungefähr 15 x 5 Metern. Für das übersetzen weniger Personen wurden Kähne benutzt. Mit dem Einzug der Industrie ist die Fähranstalt dann von Bergleuten und Händlern viel benutzt worden. Im Sommer kamen in der Frühe auch die Waldbeerensucher und ließen ich übersetzen.

Bekannt als Fährleute sind die Angehörigen der Familie Kleine-Stegemann. Als die Lippebrücke in Ölde 1935 dem Verkehr übergeben worden war, entfiel die öffentliche Verpflichtung zum Übersetzen.

Während des 19. Jahrhunderts entstanden in unserem Grenzgebiet zwei Fährbetriebe, die aber nur der Schiffahrt zur Verfügung standen. Bei dem Leinenzug der Schiffe durch Pferde war es wegen der Beschaffenheit des Flusses und des Ufers manchmal nicht möglich, immer nur eine Seite als Leinpfad zu benutzen. Es entstanden die sogenannten Überschlagstellen, d. h. die Pferde des Leinenzuges mußten an das andere Ufer gebracht werden. Das war bei seichtem Wasser einfach, da sie durch die Lippe geführt wurden. Die Schiffahrt ging jedoch meist nur bei Mittelwasser vonstatten. Die Pferde wurden dann durch Ponten übergesetzt. Solche Ponten und Überschlagstellen befanden sich beim Bauer Lohoff in Ölde und bei Suernanns Kamp in Bossendorf.
 
Die Familie Öldemann aus Lippramsdorf hatte sich an einer höher gelegenen Stelle am Ufer der Lippe 1808 ein Haus gebaut und war mit der Entwicklung dieser Pontfähre und Überschlagstelle eng verbunden, da sie beim Übersetzen Dienste leistete, die von den Schiffern vergütet wurden. Von dort aus mußten die Leinpferde, welche die Schiffe von Bossendorf bis hierher gezogen hatten, übergesetzt werden, damit sie von Lohoff aus bis Dorsten den anderseitigen Leinpfad benutzen konnten. Lippeaufwärts mußten die Pferde dann von Lohoff nach Öldemann übergesetzt werden. Die letzte Ponte wurde gegen 1925 unbrauchbar.

Öldemann besaß auch noch die Genehmigung zur Haltung einer Kahnfähre gegen Jahrespacht. Sie wurde von den vier Ölder Bauern Lohoff, Ebbeken, Brinkmann und Hawig unterhalten. Wegen des weiten Kirch- und Schulweges nach Marl (wohin die vier Bauern eingepfarrt waren) sind deren Kinder alltäglich übergesetzt worden, damit sie die Kirche und Schule in Lippramsdorf besuchen konnten. Natürlich benutzten auch die anderen Angehörigen der vier Bauern diese Kahnfähre, ebenso Handelsleute und nach 1900 Bergleute, die aus dem Münsterland zu den Schachtanlagen Auguste Victoria und Brassert zur Arbeit gingen.

Nach Fertigstellung der Brücken über den Lippe-Seitenkanal und über die Lippe in der Kusenhorst entfiel auch diese Kahnfähre. Die Überschlagstelle und Ponte bei Suermanns Kamp in Bossendorf erfreute sich nur kurzer Lebensdauer. Im Strombefahrungsprotokoll des Jahres 1848 wird auf Wiederherstellung des Überschlages an Suermanns Kamp unterhalb der Brücke bei Haltern, den man einige Jahre vorher hatte eingehen lassen, angetragen. Die Verhandlungen mit den Lippeschiffahrtsinteressenten ergaben jedoch die Ablehnung des Antrages, und damit war das Schicksal der Überschlagstelle besiegelt war.

Die Bewohner von Bossendorf, durch die Bildung neuer Flußläufe unterhalb Halterns ständig zur Korrektur ihres Grundbesitzes gezwungen, gingen mit Vieh und Gerätschaffen bei Niedrigwasser durch die Lippe. Bei höherem Wasserstand verwandten sie dazu eine Ponte. 1756 waren nach den Akten des Stadtarchivs Recklinghausen vier Bossendorfer Erbbauern im Besitz eines Fährschiffes, womit sie ihr Hornvieh über die Lippe zu ihren Ländereien jenseits des Flusses brachten.

Auch die Bergbossendorfer Bauern gingen bei Niedrigwasser durch die Lippe, um zu ihren Ländereien jenseits des Flusses zu gelangen. Im 19. Jahrhundert erhielten sie die Genehmigung zur Benutzung einer Ponte. 1980 ließen sie eine neue Ponte bauen, die 1914 durch eine eiserne abgelöst wurde.

Da die beiden Bauern und noch ein dritter auch 1956 noch nicht anders zu ihren Ländereien zwischen Kanal und Lippe gelangen können, haben sie - nachdem die eiserne Ponte 1955 ebenfalls unbrauchbar wurde - durch Vermittlung des Wasser- und Schiffahrtsamtes eine Ponte von der Gemeinde Gahlen erworben. Sie war allerdings bei Niedrigwasser kaum zu gebrauchen.

Nach der Zerstörung der Lippebrücken im Jahre 1945 bestand wieder ein provisorischer Fährbetrieb über den Fluß. Dieser Zustand währte jedoch nur wenige Jahre. Mit dem Neubau der Flußübergänge verschwanden diese Zeugen der Vergangenheit wieder, und haben in unserer modernen Zeit kein Platz mehr ist.

K.-H. Paul - 1999